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Drei Jahre Haft auf Bewährung für einen Ladendiebstahl, dazu 480 Stunden Sozialarbeit. An sich keine Nachricht wert, doch weil die Täterin prominent war, erregte das Urteil des kalifornischen Gerichts Aufsehen: Winona Ryder war der Name der Verurteilten. Beruf: Schauspielerin.

Getriebene Diebe

Zum wiederholten Mal war sie als Ladendiebin entdeckt worden. Im Idealfall haben Strafen einen Erziehungseffekt. Ob diese Wirkung bei Ryder eintritt, ist zumindest fraglich, denn sie ist krank. Das Problem nennen Mediziner „Kleptomanie“. „Die Betroffenen sagen, sie empfinden einen unwiderstehlichen Drang zu stehlen“, sagt Dr. Burkhard Jabs. Der Psychiater an der Universitätsklinik Würzburg hat kürzlich eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema veröffentlicht. „Während des Stehlens steigt ihre Spannung an, anschließend setzt eine positiv empfundene Entspannung oder Befriedigung ein. Das kennzeichnet einen kleptomanen Diebstahl.“ Die Betroffenen wissen, dass sie etwas Unrechtes oder Sinnloses tun. Trotzdem können sie es nicht abstellen – der Impuls ist zu stark.

Geklaut & weggeworfen

Ärzte und Strafverfolger tun sich schwer mit dieser Krankheit. Wann ist ein Diebstahl krankhaft, wann nicht? Ein Anhaltspunkt ist die Motivation, die zur Tat führt. „Sobald die Handlung aus Wut oder dem Wunsch, jemandem zu schaden oder zu imponieren erfolgt, handelt es sich nicht mehr um Kleptomanie“, sagt Dr. Jabs. Ebenso wenig gehören Diebstähle in diese Kategorie, die aufgrund von Gemütserkrankungen (etwa Depression, Manie), schizophrener oder anderer Erkrankungen (etwa Demenz) ausgeführt werden. Hinweise auf eine Kleptomanie geben die gestohlenen Gegenstände. „Meist handelt es sich um Dinge, die für den Täter keinen unmittelbaren Nutzwert haben“, erklärt Dr. Jabs. „Deshalb wird das Diebesgut häufig einfach weggeworfen.“ Ein Kleptomane stiehlt nicht, um sich zu bereichern.

Die meisten Kleptomanen sind weiblich

Auch wenn die Mehrzahl der Ladendiebstähle in Deutschland laut Bundeskriminalstatistik von Männern begangen wird, dominieren unter den kleptomanen Patienten Frauen. „Sie machen etwa drei Viertel der Erkrankten aus“, schätzt Dr. Jabs. „Eine schlüssige Erklärung dafür gibt es nicht.“ Eine ältere, nicht bewiesene Theorie lautet: Der „Urinstinkt“ des Sammelns sei entwicklungsgeschichtlich bedingt bei Frauen stärker ausgeprägt.

Nicht endgültig geklärt ist, welche psychische Störung einer Kleptomanie zugrunde liegt. Würden Patienten beim Stehlen eine sexuelle Erregung empfinden, müsste man eher von einer psychosexuellen Störung ausgehen, sagt Dr. Jabs. „Die eigentliche Kleptomanie erfüllt weder die Kriterien einer Sucht noch die einer Zwangshandlung. Definitionsgemäß spricht man eher von einer abnormen Gewohnheit oder einer gestörten Kontrolle der Impulse.“

Und das beginnt früh: Kleptomanie zeigt sich in der Hälfte der Fälle vor dem 20. Lebensjahr. Wie verbreitet die Krankheit ist, können Mediziner hingegen nur schätzen. „Zuverlässige Zahlen gibt es nicht“, räumt Dr. Jabs ein. „Es ist fraglich, ob die Häufigkeit von sechs Fällen pro 1.000 Einwohner, wie es in der Fachliteratur angegeben wird, tatsächlich stimmt.“

In der Therapie werden verschiedene Ziele verfolgt: Zum einen können antidepressive Medikamente die Impulse der Patienten dämpfen, zum anderen helfen verhaltenstherapeutische Ansätze, den Drang zu kontrollieren. „Ziel der Therapie ist es, gleich beim ersten Impuls zum Stehlen die negativen Folgen des Verhaltens so stark ins Bewusstsein zu rücken, dass die oder der Betroffene den Impuls sofort unterdrücken
kann.“

Sicherlich, eine harte Strafe wie die 480 Sozialstunden sind für die Schauspielerin Winona Ryder eine ziemlich negative Folge. Verhaltenstherapeutisch ausreichend wirksam seien Strafen trotzdem nicht, meint Dr. Jabs. „Dafür kommen sie einfach zu spät. Das Beste für die Patienten ist in jedem Fall professionelle Hilfe.“

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